Das Dorf D.

Ein Dorf auf dem Land, 1984 | © Hildegard Ochse Estate

Ein Dorf auf dem Land, 1984 | © Hildegard Ochse

Irgendwann im Sommer 1984 über ein Dorf in der Provinz.

Brief aus Berlin – Beschreibung eines Dorfes

»Wie viele Berliner nehme ich jede Gelegenheit wahr und sei es nur für ein Wochenende-, diese geliebte- gehasste Stadt zu verlassen. Über Äcker und Felder laufen, spazieren gehen in einem ›richtigen‹ Wald, die gute Luft … ein Haus auf dem Lande müsste man haben. Diesmal besuchte ich Freunde, die vor 2 Jahren ein altes Fachwerkhaus in D. Am Rande des Solling gekauft haben und seit dem damit beschäftigt sind es zu restaurieren. Das Holz der Fensterrahmen ist verrottet, es sollen neue eingebaut werden. Die Füllungen zwischen den Balken sind porös, sie bestehen noch aus Kuhmist und Mörtel. Mutter und Sohn greifen zur Spitzhacke und schlagen zu. Es staubt gewaltig. Ich versuche, ein bisschen zu helfen, ziehe es aber nach 2 Stunden vor, erst einmal einen Spaziergang durchs Dorf zumachen. D. Ist wenn meine Erinnerungen an den Geschichtsunterricht mich nicht täuschen, ein sogenanntes Straßendorf. Zumindest durchzieht eine ziemlich breite geradlinige Straße das Dorf. Rechts und Links gibt es Fachwerkhäuser, einige zu ›Fremden­pensionen‹ umfunktioniert, ein paar Neubauten. Es ist sehr sauber hier. Die Fenster (Verbundfenster) sind geputzt die schmalen Vorgärten gekehrt. Geranien und Petunien wachsen in Eternietschalen. Man könnte sozusagen von der Straße essen. Ich bemerke ein alte Wagenrad, das eine Hofeinfahrt schmückt. Keine Menschenseele ist zu sehen, aber ich habe den Eindruck das man mich hinter den vorgezogenen Gardinen beobachtet.Nur riesige Trecker donnern hin und wieder die Straße hinauf und hinunter. Es gibt zwei Edekaläden mit Sonderangeboten, die Raifeisenbank, einen Friseur. Ein Kriegerdenkmal, die Kirche steht etwas abseits von der Straße.

Ich biege in eine Seitenstraße ein, die offenbar nach ›Neu D.‹ führt. Einfamilienhäuser mit „Zimmervermietung“ im ausgebauten Dachgeschoss, reihen sich aneinander. Die Blumenfenster sind umrahmt von geschwungenen und gerüschten Dralongardinen, in den Gärten stehen Edeltannen und Gartenzwerge. Schließlich kehre ich enttäuscht um. Sieht so das Leben auf dem Lande aus? Auf dem Rückweg komme ich an einem Jägerzaun umgebenen, etwa Fußballplatz großen »Kurpark« vorbei. In der Mitte ist ein Springbrunnen, da sind ein paar Bänke (Eternit). Auch hier ist der Rasen »gestaubsaugt« und wie mit der Nagelschere geschnitten, Unkraut gibt es selbstverständlich nicht.

Ein Dorf auf dem Land, 1984| © Hildegard Ochse Estate

Ein Dorf auf dem Land, 1984| © Hildegard Ochse

In den Ferien fahre ich immer nach Italien oder nach Frankreich – dort ist es wenigstens noch dreckig auf dem Land, denke ich. Hühner und Ziegen laufen über die Straße und man tritt auch mal in Kuhmist, und es riecht so gut nach Milch, Käse, Wein und Oliven. Am nächsten Tag besuche ich den Bauern T. er ist jung und sehr freundlich, war auf der landwirtschaftlichen Fachhochschule, zu Studienzwecken war er in den USA. Vor kurzem hatte er eine großen neuen Kuhstall gebaut, der durch einen engen Gang mit einer hochmoderne Melkanlage verbunden ist, gefliest und mit Neonlicht. Die Gülle im Stall fällt durch ein Betonraster und wird von einer Pumpanlage auf Knopfdruck abgesaugt. Die Kühe, 40 an der Zahl, brauchen den Stall nicht mehr zu verlassen. Bauer T. Holt im Sommer täglich frisches Grün mit dem Trecker von der Weide. Ich habe vergessen, dass man heute nicht mehr einen Bauernhof, sondern einen landwirtschaftlichen Betrieb hat. (wobei die Betonung auf Betrieb liegt).

Ein Dorf auf dem Land, 1984 | © Hildegard Ochse Estate

Ein Dorf auf dem Land, 1984 | © Hildegard Ochse

Am späteren Nachmittag, als die sommerliche Hitze nachgelassen hat, geht Frau N. Mit mir zu dem Gärtner Kukuluss, um Stauden zu kaufen. Er sei wie auch sie Ostflüchtling mit einem Vertriebenenpass aus Schlesien, erzählt sie mir. Wir gehen wieder durch die Straße mit den neuen Häusern. Umgeben von Jägerzäunen, am »Gemeinschaftshaus« (mit einem kleinen Hallenbad für die Sommergäste und Waschmaschinen für die Dorfbewohner) vorbei. Dann biegen wir in einen kleinen Feldweg ein – Brombeerhecken, es riecht nach Schafgabe und Kamille – und erreichen nach etwa 10 Minuten Fußweg das Haus des Gärtners, einen Zaubergarten. Stauden jeder Art, die wenigsten sind mir bekannt, eigene Züchtungen. Wir folgen in ihm auf kleinen Trampelpfaden durch diese geordnete Unordnung von in allen Farben blühenden Pflanzen. Denn sie stehen nicht in Reih und Glied, aufgereiht wie Zinnsoldaten, scheinbar zufällig, ist hier ein Pflänzchen mit …

Herr K. Schreibt, wie er sagt, sein vielen Jahren an einem Buch über …

Frau N. Nimmt einen Korb voll Stauen für ihren Garten mit nach Hause. Sie muss noch einkaufen und fährt mit dem Auto in die nächste Kreisstadt zu Aldi, kauft dort H-Milch, die mir bestens bekannte Dalami für 10,80 und den Schokotrunk, den ich meinen Kindern trotz aller Tricks wie dem Umfüllen in eine Originaldose leider nie unterjubeln konnte. Abends gehe ich noch in den Dorfkrug. Die Linden Blühen auf dem kleinen Dorfplatz. Einige Sommergäste (aus Berlin) in Freizeitkleidung, 3 Einheimische mit Bier und Korn, Gedämpfte Musik und rustikales Barfeeling stellt sich ein. Morgen fahre ich wieder nach Berlin. Ich sehne mich nach unserer »verdammten« Mauer, die zu mindestens eines verhindert hat, das Berlin geleckt, langweilig und einförmig ist. Wie gut, dass wir ›unsere Türken‹ haben. Asylanten aus Ghana und Sri Lanka, Punks, Hausbesetzer und Rentner mit Sofaratten, den Trödelmarkt, den Tiergarten, das Gripstheater, das an heißen Wochenenden total überfüllte Wannseebad usw. usw. Nein, auf dem Land möchte ich wohl nicht wohnen …«

Hildegard Ochse, 1984

Ein Dorf auf dem Land, 1984 | © Hildegard Ochse

Ein Dorf auf dem Land, 1984 | © Hildegard Ochse

Ausstellungen:
Kommunale Galerie Berlin